Der Unterschied zwischen Histaminintoleranz und Mastzellerkrankungen

Histaminose anderer Ursache, Histaminintoleranz oder eine Mastzellerkrankung? Ganz schön schwierig, da durchzublicken. Genau das ist der Grund, warum es diagnostisch so schwer ist, die Ursachen zu differenzieren. Aber was ist eigentlich eine Histaminose und wo liegt der Unterschied zu den anderen Bezeichnungen? Glaubt mir, ich habe bei meiner eigenen Reise sehr lange gebraucht, um mir alles anzulernen und überhaupt zu verstehen, dass es sich hier um unterschiedliche Erkrankungen mit den gleichen Auswirkungen handelt. Dieses Verständnis ist aber so enorm wichtig für jeden Betroffenen. Alleine schon um zu wissen, welche Diagnosekriterien zu erfüllen sind, auf was zusätzlich alles geachtet werden sollte und wie das alles im Hinblick auf das restliche Leben zu bewerten ist. Deshalb möchte ich in diesem Artikel darauf näher eingehen und versuchen, dass Thema verständlich zu erklären. Tiefergehende Artikel zu den einzelnen Abschnitten werden verlinkt.

Histaminose:

  • Eine Histaminose beschreibt den Zustand eines erhöhten Histaminspiegels im Körper. Das Wort Histamin kommt aus dem alt-griechischen (histos) und bedeutet “Gewebe”. Es kommt sowohl im tierischen, als auch im pflanzlichen Organismus vor und wirkt dort als Neurotransmitter, Gewebshormon und Mediator.
  • Eine Histaminose ist der Begriff, der ein “Zuviel” an Histamin im Organismus beschreibt, jedoch sagt er nichts über seine Ursache aus. Die Ursachen können hier eine Histaminintoleranz, eine Mastzellerkrankung und/oder eine andere Erkrankung sein. Es muss hier also nicht immer eine typische Histaminerkrankung vorliegen, es kann sich auch bei der Ursache um z.B eine Borreliose, Allergien, Hormonstörungen etc. als Hauptursache handeln. Auch das gleichzeitige Auftreten von mehreren Faktoren zusammen ist möglich. Genau das macht die Diagnosefindung so kompliziert.
  • Histaminose ist der medizinsiche Begriff, bevor Dr. Jarisch den Begriff Histaminintoleranz einführte. Dr Jarisch ist der Arzt, der die HIT “gefunden” hat.
    Buchempfehlung: Dr Reinhart Jarisch Histaminintoleranz – Histamin und Seekrankheit

Histaminintoleranz:

  • Eine Histaminintoleranz ist eine enzymatische Abbaustörung oder auch Stoffwechselstörung, bei der entweder die Diaminoxidase (DAO), die Histamin-NMethyltransferase (HNMT) oder auch die Monoaminoxidase (MAO) in ihrer Funktion, bzw ihrer Produktion gestört sind. DAO und HNMT sind die beiden Abbauenzyme des Histamins im Körper.
  • Sind diese in ihrer Funktion gestört oder sind nicht in ausreichender Menge vorhanden, erhöht sich der Histaminspiegel im Körper, es kommt zu einer Histaminose. Hierfür kann es verschiedene Gründe geben, wie eine genetische Aktivitätsminderung eines oder beider Enzyme, wobei eine alleinige HNMT-Aktivitätsminderung zur Zeit nicht als ausschlaggebend bei einer Histaminose angesehen wird.
  • Man unterscheidet zwischen einer erworbenen Histaminintoleranz, z.B durch bestimmte Medikamentenwirkstoffe, Zusatzstoffe, Chemikalien, gestörte Darmfunktion/Darmerkrankungen, und einer genetischen Form. Die genetische Variante ist meist angeboren und sehr selten. Die Häufigkeit wird mit ca. 1% der Gesamtbevölkerung angegeben. Sie zählt damit zu den sehr seltenen Erkrankungen. Die erworbene Histaminintoleranz ist somit die weitaus häufig verbreitetere Form.
  • Die Monoaminoxidase (MAO) beschreibt mitochondriale Enzyme. Sie verrichten ihre Arbeit also innerhalb der Zelle und sind für den Abbau von Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Adrenalin, Tyramin und Tryptamin zuständig. Warum ist das wichtig? Bei einer Histaminose ist es wichtig, nicht nur auf das Histamin aus der Ernährung zu achten, sondern auch auf sogenannte Liberatoren.
  • Liberatoren regen die Mastzellen zur Degranulation an, sprich: diese schütten ihren Inhalt mit über 200 Mediatoren aus, darunter auch das Histamin. Somit steigt der Spiegel im Körper. Alle (Histamin, Tyramin, Serotonin, etc) gehören zu den biogenen Aminen. Diese wiederrum werden aus ihren zugrunde liegenden Aminosäuren im Körper biochemsich umgewandelt. Anhand der Grafik erkennt man, zu welchem biogenen Aminen diese umgewandelt und wiederrum von der Monoaminoxidase (MAO) abgebaut werden. Liberatoren werden zusätzlich wärend der Verdauung im Dünndarm dem Histamin beim Abbau vorgezogen. Ist also bereits ein Enzymmangel vorhanden, verbrauchen diese Liberatoren das bereits vermindert vorhandene DAO weiter auf. Es ist nicht mehr genug da, um das ankommende Histamin abzubauen.
  • Eine “echte” Histaminintoleranz (genetisch) ist statistisch extrem selten und es wird in Metastudien (Studie, die viele andere Studien zum Thema begutachtet und eine Quintessenz aller wiedergibt) von etwa 1% Dunkelziffer ausgegangen. Beim Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) sind es bereits 17% der gesamtwestlichen Bevölkerung. Auch bestätigt dies Professor Molderings von der Uni Bonn, der zu dem Thema jahrelange geforscht und publiziert hat. Er vertritt die These, dass es sich bei den meisten Fällen einer Histaminose, um ein Symptom einer MCAS handelt.
  • Nur bei einer erworbenen Histaminintoleranz, die ihren Ursprung des Enzymmangels alleinig durch eine Dysbiose, einem Nährstoffmangel, Medikamentenwirkstoffe oder andere behandelbare Faktoren haben, besteht eine eventuelle Chance einer Ausheilung dieser. Dies scheint aber wohl bei nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen der Fall zu sein. Weder die genetische Histaminintoleranz, noch eine Mastzellerkrankung sind heilbar und bestehen den Rest des Lebens.
  • Einen ausführlichen Artikel zum Thema Histaminintoleranz findest du hier.
Der Aminosäuregehalt in Lebensmitteln sollte genauso beachtet werden wie biogene Amine selbst, da diese im Körper umgewandelt werden.

Mastzellaktiverungserkrankung, Mast Cell Activation Desease (MCAD):

  • Mastzellaktivierungserkrankungen (MCAD), wie auch eine Histaminintoleranz verursachen eine Histaminose. Dies kann zu einer anaphylaktischen Reaktion oder sogar zu einem Schock führen, der lebensbedrohlich ist. Bei beiden Erkrankungen sind die Reaktionen auf biogene Amine, Stress, Medikamente und andere Faktoren gleich, wobei sich die Symptomatik einer Histaminintoleranz mit der einer Mastzellerkrankung deckungsgleich äußert. Letztgenannte weisen jedoch ein erweitertes Symptomspektrum auf. Einer der wichtigsten äußeren Faktoren, die man selbst kontrollieren kann, stellt hier eine konstante, biogenarme Ernährung dar. Im Gegensatz zur Histaminintoleranz handelt es sich bei Mastzellativierungerkrankungen jedoch nicht um eine enzymatische Abbaustörung, sondern um eine Erkrankung der Mastzellen. Es ist trotzdem möglich, eine Histaminintoleranz und eine Mastzellerkrankung gleichzeitig zu haben! Zudem hat so gut wie jeder Betroffene mindestens eine weitere zusätzliche Erkrankung, Unverträglichkeit oder Allergie, ob nun bekannt oder unbekannt.
  • Mastzellaktivierungserkrankungen (MCAD, Mast Cell Activation Desease) unterteilen sich in zwei Formen: Die Mastozytose und das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS, Mast Cell Activation Syndrome). Mein Artikel zum Thema Mastzellerkrankungen, in dem ich detaillierter darauf eingehen werde, wird an dieser Stelle verlinkt, sobald er fertig ist.

Mastozytose, Mastocytosis:

  • Bei der Mastozytose handelt es sich um Ansammlungen von genetisch mutierten Mastzellen im gesamten Körper an Organen, dem Knochenmark oder der Haut. Sie gilt statistisch allgemein als seltene Erkrankung (<10 neu Erkrankte pro 1 Million Einwohner).
  • Eine Erkrankung kann in unterschiedlicher Variation auftreten: Leichte, mittelschwere, schwere und sehr schwere Formen. Die Betroffenen müssen hier, entgegen einer Histaminintoleranz, meist täglich Medikamente nehmen, da eine biogenarme Ernährung oder die Vermeidung von zusätzlichen Triggern meist hier nicht ausreicht, um die Symptome in Schach zu halten.
  • Einige Formen der Mastozytose stellen Krebsformen dar, z B. die Mastzellleukämie, die aber extrem selten ist (0,01% aller Fälle) oder die Aggressive Systemische Mastozytose (ASM). Zurzeit gibt es leider keine erfolgreiche Behandlung dieser Ausprägungen und die Prognosen liegen zwischen ein paar Monaten bis zu vier Jahren, die ein Betroffener nach einer Diagnose noch zu leben hat.
  • Bei der systemischen Mastozytose (SM) handelt es sich um ein hämatologisches Krankheitsbild, mit Ausnahme der rein kutanen Mastozytose. Bei dieser ist nur die Haut betroffen, jedoch keine inneren Organe oder das Knochenmark. Die indolente systemische Mastozytose (ISM) kann auch zusammen mit einer kutanen Form auftreten. Bei der kutanen Mastozytose sowie der systemischen Mastozytose handelt es sich nicht um eine Krebserkrankungen.
  • Für die verschiedenen Formen der Mastozytose gibt es mittlerweile extra Sprechstunden in den meisten Kliniken, eine ICD 10 Klassifizierung (international sowie eine Deutsche) und einen vorgegebenen Diagnoseweg. Achtung! Um eine Mastozytosesprechstunde in Anspruch zu nehmen muss mindestens ein Tryptasewert von über 20 ng/ml vorliegen! Auch sollte auf die Fachrichtung der Klinik geachtet werden. In einer Klinik für Dermatologie wird die kutane Form oder die ISM mit Hautbeteiligung behandelt, aber nicht die hämatologisch basierte ISM oder die anderen Formen. Auch wird dort keine Diagnostik für eine Histaminintoleranz oder MCAS stattfinden.
  • Für die Diagnose ist ein Gentest der KIT D816V-Mutation als wichtiges Nebenkriterium aufgeführt. Für MCAS ist diese aber nicht aussagekräftig, sondern andere Mutationen des KIT-Gens, welche aber auch untersucht werden können, z.B im CBT Bonn.

Mastzellaktivierungssyndrom, Mast Cell Activation Syndrome (MCAS):

  • Das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) beschreibt eine Hypersensibilisierung der vorhandenen Mastzellen im Körper. Auch hier erfolgt eine feststellbare Mutation des Rezeptors Tyrosinkinase KIT, allerdings an anderen Stellen wie bei der Mastozytose. Diese Unterscheidung ist enorm wichtig bei der Durchführung der Diagnostik. Im Gegensatz zur Mastozytose, teilen sich die Mastzellen nicht unkontrolliert weiter. Sie sind “nur” überaktiv. Sie reagieren bereits auf eigentlich harmlose Reize und schütten ihren Inhalt in das umliegende Gewebe aus.
  • Bei MCAS handelt es sich nicht um eine Krebserkrankung. Betroffene haben eine normale Lebenserwartung, wenn auch natürlich mit Einschränkungen, abhängig von der Schwere der Erkrankung.
  • Im Gegensatz zur Mastozytose hat MCAS hierzulande noch keinen ICD 10 Schlüssel, nur einen internationalen (in den USA bereits schon). Deshalb ist hier für Ärzte schwierig, die Diagnostik zu gestalten.
  • Die Häufigkeit von MCAS in der gesamtwestlichen Bevölkerung wird durch Metastudien auf 17 % geschätzt. Das wären aktuell 178.113.017 Millionen Betroffene Menschen in Europa und Nordamerika. Diese Zahl muss man erst mal sacken lassen. MCAS gehört damit nicht mehr zu den seltenen Mastzellerkrankungen und es ist in den nächsten Jahrzehnten mit einem massiven Anstieg an Betroffenen zu rechnen. Das gibt Hoffnung, das folgende Generationen nicht mehr einen immensen Aufwand betreiben müssen um eine Diagnose zu bekommen.
  • Ein toller Verein ist der MCAS Hope e.V, der sich alleinig mit dem Mastzellaktivierungssyndrom beschäftigt, und dafür mit Fachärzten kämpft, dass MCAS auch hierzulande endlich eine ICD 10 Klassifizierung bekommt. Auf dessen Webseite findet man unter dem Reiter “Diagnostik“, eine vortreffliche Vorgehensweise des Diagnoseweges. Ich persönlich habe mir diese Infos kopiert und zusammen mit einer “Patientenmappe” bestehend aus einem Symptom-Lebenslauf sowie anderen Informationen zur Differenzierung von Mastzellerkrankungen ausgedruckt. In digitaler Urform habe ich so immer die aktuellsten Infos dabei und drucke diese vor einem Arztbesuch aus.

Ich hoffe, der Artikel war hilfreich für dich. Du kannst ihn übrigens auch ausdrucken. Teile dieses Wissen mit anderen Betroffenen und Fachpersonen. Weitere, kompetente Webseiten zum Thema sind die von der Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) zum Thema Histaminintoleranz und Mastzellaktivierung. Wenn du einen Fehler finden solltest oder eine neue wissenschaftliche Info zu einem Thema gefunden hast, melde dich gerne über mella@histaminonline.de bei mir. Lass mir gerne ein Kommentar da oder trete unseren Facebookgruppen bei. Dort bist du immer herzlich willkommen. Klicke einfach oben auf den Facebook-Button, stöbere in unseren fantastischen Rezepten oder profitiere von unserer hilfreichen Community.

Einen schönen und symptomfreien Tag.

2 Comments

  1. hobelevanc

    Hallo liebe Mella, ich bin neu hier und wollte erst mal DANKE sagen, für diesen vielseitigen, informativen, verständlichen und ermutigenden Blog! Danke für die Arbeit und die Zeit die du reinsteckst. VG!

    • Hallo liebe(r/s) hobelevanc,

      danke für dein Lob und deine netten Worte. Das gibt mir unfassbar viel Kraft und Freude zu wissen, dass meine Arbeit anderen hilft.

      Eine schöne und symptomfreie Zeit♡

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